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Urs trägt das AasGEZwungene

Dominik Riedo: „Uns trägt das Angesungene: Mögliche Texte“

Von Daniel Ableev

 

 

Gleich der erste Blick in dieses Büchlein offenbart Anlass für positive Kritik – das experimentierfreudige Schriftbild mit den Durchstreichungen und Marginalien (des Herausgebers/Lektors/Autors?) erinnert begrüßenswerterweise an Danielewski. Die Authentizität der hier präsentierten, immer wieder durch wunderbare Salopp- und Rohheit sympathisch trumpfenden Buchideen ist lobenswert. Die Affinität des Autors zum Schwarzhumorigen ist ebenfalls schön, wenn etwa jemand jemanden oder sich selbst mit sinnfreiem E/Affekt umbringt. Es finden sich darüber hinaus diverse echte Lols („Einer, der nie Erfolg bei Frauen hat, wohnt mit einem zusammen, der wenigstens ab und zu mal eine hat. Wie der eines Nachts vom Vögeln nach Hause kommt, den ‚Schwanz noch voller Möse’, wie er sagt, will der andere wenigstens mal am Glied riechen. Er darf.“), die durch überraschende Pointen entstehen („Da sagt ein Guru in Indien, er könne von ‚Lichtnahrung’ leben. Auch ‚weitergeben’ kann er sie an noch ungewohnte. Eine brave junge hübsche Schweizerin hört das und reist zu ihm. Der Guru fickt sie gut durch. Das ist seine Art des Weitergebens.“). Der elliptisch-anekdotische Charakter der hier dicht exerzierten Kurzkunstform entfaltet immer wieder hochkomisches Potential, gerade durch den subtilen Wahn-Fanatismus des Unfertigkeits-Ansingsangs („Er wacht auf und seine Vorhaut ist weg. Es beginnt die Suche nach den Tätern.“ Dazu editorische Randnotiz in Blau: „episch“).

 

Ein grundsätzliches Problem mit dem Buch, so originell es vom Konzept her auch sein mag, ist der Umstand, dass der Autor doch arg im Realum verhaftet bleibt. Daher stellt sich nur selten das Gefühl ein, dass hier alles möglich ist. Natürlich ist hier vieles möglich, so geht es unter anderem etwa, für mich persönlich stets spannend, viel um Schriftsteller und Künstler – aber die Realität mit all ihren anti-eskapistischen, durch und durch unbizarren Langweiligkeiten („Er meint – aus der Ich-Perspektive erzählt –, alles, aber auch wirklich alles in seinem Leben sei falsch gelaufen, vergeblich gewesen, er habe also vor dem Leben versagt. Erst als er tot ist, werden einige Kapitel geschaltet, die aus der Sicht von anderen Menschen erzählen, wie der ‚Versager’ Leben gerettet hat, Liebschaften schicksalshaft geschlossen etc., indem er zur richtigen Zeit am richtigen Ort das für ihn gesehen Falsche getan hat, das allen anderen geholfen hat, genützt.“) bildet ein Gefängnis. Vergeblich sucht man faszinierend-visionäre Einfälle etwa eines Thomas Ligotti (“Stage performance that elicits from the audience a very strange sound. Horror of the ludicrous. Backstage: 'There, do you hear it.'”; “Consciousness breeding in some obscure place like a blue fungus.”[1][1]) oder Eugen Egner („Tote Motten sind Mangelware. Alle Projekte, die von toten Motten abhängen, müssen aufgeschoben werden. Weil es so aber nicht weitergehen kann, zieht eine Person los, um tote Motten aufzutreiben. Das führt zu Erlebnissen.“; „IBAN DER BEGÜNSTIGTE (Roman)“). Das Anthropozentrische („Ein Entwicklungsroman, in dem der Protagonist trotz (oder gerade wegen) seines zunehmenden Wissens mehr und mehr Fehlentscheidungen trifft.“) geht manchmal auf die Nerven („Den Erziehungsroman […] einer Frau schreiben; dies alles aber aus der Sicht ‚ihrer’ Männer, deren Sichtweisen entweder den Lebensabschnitt dem Leser und der Leserin nahebringen, in dem sie mit der Frau verbunden waren, oder durch Rückerinnerungen der Frau, die sie den Männern/Knaben mal erzählt hat (Großvater, Vater, Bruder, Lehrer, Onkel, Liebhaber, Ehemänner, Arbeitsgeber, Priester).“), das Transzendentale („Ein Buch in Gebärdensprache. Möglichst pervers. hört sich nach nem guten klappentext an“) kommt zu kurz („Ähnlich wie in ‚Mein Name sei Gantenbein’ überlegt sich der Protagonist allerlei ‚Lebensläufe’. Schon als Jugendlicher hat er das getan, wo er sich ein Leben ‚vorwärts’ imaginierte, also das, was vom Zeitpunkt des Träumens an geschehen würde bis er 40 Jahre alt wäre. Mit 65 Jahren imaginiert er sich seine möglichen Lebenswege ‚rückwärts’, wie es hätte sein können, mit 20 ein Sportflieger zu sein, mit 30 ein Frauenheld, mit 40 steinreich und muskulös, auch ein Wohltäter. – Am Ende aber münden alle Lebensrückläufe in den Zustand, in den Menschen, der er mit 65 oder 70 oder dann 80 Jahren ist: Von der Unmöglichkeit, sich als Zustandsbefriedigter (was die meisten Menschen sind: Sie möchten nicht total jemand anders sein und geben sich mit dem gelebten Leben am Fast-Ende eben doch zufrieden) Alternativen zum JETZT zu imaginieren …“): Das sehr dankbare Konzept des Anreißens bleibt somit teilweise tragisch untergenutzt.

Nichtleser Gion Cavelty hätte jedenfalls mit der einen oder anderen Buchidee oder gar – Gott bewahre – mit dem einen oder anderen darauf basierenden Buch seine helle Nichtfreude. Es gibt Künstler und Denker (etwa R. A. Wilson), die halten Realismus und verwandte Genres für total überholt. Es ist eine ziemliche Meinung, aber ich möchte mich ihr gerne anschließen.

 

Wie dem auch sei – das Fazit muss lauten: Riedo ist inspirierend und lesenswert.

 


[1][1] http://www.angwa.de/Ligotti/essay/heartofhorror_e.htm (Stand: 4.1.2015)

 

 

 

Dominik Riedo: „Uns trägt das Angesungene: Mögliche Texte“

Edition taberna kritika, Bern 2014

87 Seiten

ISBN: 978-3905846317

http://www.etkbooks.com/wp-content/uploads/pic_angesungenegr.jpg

 

 

 

 

Dass Sprache eine Kunst ist

Xóchil A. Schütz: "Was ist"

Von Steffen Wunder

 

 

Eine junge Frau, ein junger Mann, zwei verschiedene Städte, die Liebe, die Vergangenheit, Träume, das sind die wichtigsten Zutaten für Xóchil A. Schütz’ bemerkenswerten Roman. Während die Protagonistin sich für Kunst interessiert und von etwas Festem, sogar einer Familie, träumt, beschäftigt ihr Freund Hannes sich mit pornografischen Bildern und Ballerspielen. Die beiden wohnen voneinander entfernt, jeder für sich. Zusammenziehen kommt erst einmal nicht in Frage. Obwohl Hannes gelegentlich mit anderen Frauen wie seiner Mitbewohnerin flirtet, sagt er seiner Freundin immer wieder, dass er sie liebt. Doch „was ist“ Liebe? Ist das, was sie für Hannes empfindet, Liebe oder Abhängigkeit? Zweifel bestehen, ob Hannes etwas an ihr oder ihrem Verhalten nicht gefallen könnte. Und vieles kann sie an ihm nicht verstehen: wieso er nicht an eine höhere Macht glaubt, wieso er immer bestimmte Dinge zu anderen Frauen sagt, wieso er keine Kinder haben möchte oder wieso ihm das Geldverdienen so wichtig ist. Aber trotzdem stellt sie immer wieder fest, dass er der Richtige ist und dass die Beziehung viele gute Seiten hat.

Aber nicht nur „was ist“, ist wichtig, sondern auch die Vergangenheit schlägt sich in der Gegenwart nieder. Fast kriminalistisch werden die Spuren einer schweren Kindheit und Jugend nach und nach aufgedeckt. Dadurch wird immer mehr erklärt, wie es zu der Entwicklung kam. Ihre Eltern konnten sie nie wirklich lieben. Der Vater war autoritär und dem Alkohol verfallen. Vor ihm war immer Ruhe zu bewahren. Den kleinsten Verdacht von moralischer Abschweifung bestrafte er. Die Mutter sah dem stillschweigend zu und gab sich mit ihrer Rolle der unterwürfigen Ehefrau zufrieden, ein Grund für die Protagonistin, sie zu hassen und sich vor ihr zu ekeln. Bestraft wurde sie für vieles, unter anderem wenn sie etwas Unanständiges sagte oder wenn sie nicht alleine zu Hause bleiben konnte. So kam es dazu, dass sie vieles, das für sie unerfüllt blieb, wie eine Hauptrolle im Kindergartentheater, als Strafe für ihr böses Verhalten, das ihr immer wieder eingeredet wurde, deutete. In ihren Träumen und Fantasien nahmen diese Ängste Gestalt an, in Form von bösen Männern, die nachts in ihrem Zimmer lauerten und sie fressen wollten, oder eines weißen Spitzes, der sie anstarrte und sich auf sie stürzte.

Erst nach dem Abitur ist es der Protagonistin gelungen, sich von ihrer Familie zu trennen. Zumindest teilweise. Durch eine Beziehung mit einer Frau, die sie allerdings mehrmals betrogen hat, und ein paar mit Männern könnte sie sich jeder moralischen Norm widersetzen. Doch vieles ist geblieben, wie der Leistungsdruck, den sie von ihrem Vater in den eigenen Ehrgeiz übernommen hat, oder sämtliche moralische Vorstellungen in ihrer Beziehung, die sie nicht zu hundert Prozent ablegen hat können. „Was ist“, ist eine zerbrechliche junge Frau, die immer wieder sterben möchte und daher am liebsten den ganzen Tag verschläft, sich nach etwas sehnt und sich daher in eine Beziehung flüchtet.

Vieles in dem Buch bleibt anonym. Der Name der Protagonistin, der ihrer Eltern, ihrer Schwester und der der Städte, in denen sie und Hannes wohnen. Dadurch wird eine Distanz gewahrt, denn etwas Persönliches findet die junge Frau in diesen Menschen und Orten nicht. Im Laufe der Erzählung verschwimmen Traum und Wirklichkeit immer mehr, bis man schließlich nicht eindeutig unterscheiden kann, „was ist“.

Durch diese Gedankengänge merkt man, wie stark psychologisch durchdacht dieser Roman ist. Mit wenig äußerer Handlung wird dem Leser ein Blick in die Seele einer scheinbar gescheiterten jungen Frau gewährt. Diese Beschreibung zeugt von einer genauen Beobachtungsgabe und großer Sensibilität, einer Gabe sich in Menschen hineinzufühlen. Doch diese Einfühlsamkeit beschränkt sich nicht nur auf den Inhalt, auch die rhythmische, poetisch angehauchte Sprache mit ihren Wiederholungen und Verschachtelungen ist ein Kunstwerk. Man merkt daran, dass die Autorin auch Lyrikerin ist. Aber auch mit einem Essay ist der Roman zu vergleichen. Mit jedem Kapitel beginnt ein neuer Gedanke. Diese Reflexionen setzen sich mosaikartig zusammen. Man erkennt dann Entwicklungen und Zustände, die sich gegenseitig erklären. Am Ende wird fast alles gut, aber nur fast.

Es handelt sich um ein Buch, das zeigt, dass Schreiben nicht nur Handwerk, sondern eine Gabe und dass Sprache Kunst ist. Solche Bücher sollten hoch geschätzt werden.

 

Xochil A. Schütz:

„Was ist“

Asphalt & anders 2011

160 Seiten, Euro 16,90

ISBN 978-3941639065

 

 

 

 

Lyrikum zum Selberschälen

Hasan Özdemir: „Geschälte Sätze“

Von Daniel Ableev

 

Es sei die Behauptung gewagt, daß reimlose Verse tendenziell prätentiöser anmuten als reimende. So ist nicht von der Hand zu weisen, dass die vorliegenden „geschälten Sätze“, wohl als lyrisches Fruchtfleisch konzipiert, der Problematik einer gewissen

(Über-)Dosis Selbstverliebtheit und Bedeutungsschwangerschaftsstreifen anheimfallen – wie wahrscheinlich die meiste moderne Lyrik.

 

In den rund 60 Gedichten des Ludwigshafener Poeten Özdemir gibt es fast immer Fein- und Besonderheiten zu entdecken. Mal liegen diese in der Einfachheit („Der Wind macht einen Spaziergang / Über die Dächer der Stadt“), mal in der Verschlossenheit der verwendeten Bildmaschine („Verdreckte Zeit ist mein Hemd“). Zum Glück wird der manches Mal pathetische Gestus aufgefangen durch diverse Augenzwinkerer und selbstironische Momente („Ich özdemire mich hasan“), auch sorgen Abdrücke von Gemälden der beiden mit dem (übrigens nicht nur von türkischen, sondern auch russischen Lyrikern beeinflussten) Dichter zusammenwirkenden Künstler Oleg Kortschagin aus Sotchi und Ulrich Thul aus Ludwigshafen für interessante Text-Bild-Interfaces. Und es gibt – neben einigen Zeit-Metaphern, die in ihrer Abstraktheit nicht unbedingt revolutionär, aber durchaus anmutig sind – Kunstwahrheiten wie diesen Zweizeiler: „Mühsam bringe ich die Sätze auf den Punkt / Und sie mich allmählich ins Grab“.

 

Hasan Özdemir:

„Geschälte Sätze“

Verlag Hans Schiler 2013

72 Seiten, Euro 16,00

ISBN: 978-389930403

 

 

 

Schmerz und Heilung in wenigen Worten

Bjarte Breiteig: „Phantomschmerzen“

Von Miguel Peromingo

 

Ken Follet, der ausgesprochen selbstbewusste Autor von millionenfach verkauften Krimis und historischen Romanen hat in einem Interview mal gesagt, ein Schriftsteller sollte niemals die Landwirtschaft als Hintergrund für eine Geschichte wählen, weil das Leben auf einem Bauernhof so wenig Erwähnenswertes bieten würde und völlig langweilig sei.

Er sollte die Erzählungen des norwegischen Autors Bjarte Breiteig lesen.

 

In seinem Band „Phantomschmerzen“ von 1998 siedelt Breiteig bereits die erste seiner 14 Kurzgeschichten mit dem Namen "Der Wind in den Wänden" in einem Kuhstall an. Was dann, auf wenig mehr als fünf Seiten passiert, als der junge Sohn der Bauernfamilie einer Kuh beim kalben helfen muss, ist fernab von langweilig oder unbedeutend. Auch wie der Autor in der Geschichte "Verschwunden", die aufgrund ihrer Intensität als eines der Herzstücke des Werks betrachtet werden kann, die Symbolik des Farmlebens verwendet, um den Schmerz eines Vaters zu zeichnen, der gerade sein Kind verloren hat, wird der Leser so schnell nicht vergessen.

 

Dann steht der Junge im Mittelgang und streichelt ein Kalb. Es lässt das Kalb seine Hand ins Maul nehmen, es stampft mit den Klauen und saugt. Der Junge lacht. Vater schau, sagt er. Schau mal, das Kalb! Ich stehe abrupt auf. Die Tiere zucken zusammen und ziehen die Köpfe ein, es raschelt in den Ketten. Der Mittelgang ist leer.

 

Verlust und Einsamkeit sind zentrale Themen in den Geschichten. Sie spiegeln sich nicht nur in den verschieden Charakteren wie dem verliebten Teenager, der müde und angetrunken im Schnee liegt und jegliche Hilfe ablehnt oder in Mutter und Sohn, die über ein Halmaspiel versuchen, die emotionalen Auswirkungen des Älterwerdens auf ihre Beziehung in Gedanken zu fassen. Die Charaktere und ihre Sorgen verbleiben nicht in den Geschichten, sie gehen über deren Grenzen hinweg. Im Stil der Hyperlink-Literatur tauchen Figuren in verschiedenen Erzählungen auf und überraschen durch den Perspektivenwechsel. Dadurch werden die tragenden Themen Verlust und Einsamkeit, aber auch Hoffnung und Halt als transzendente Strömungen etabliert, die ganz ohne esoterisches Brimborium den Alltag der verschiedensten Menschen beeinflussen. In der Erzählung "Dinge unter Steinen" um ein Scheidungskind heißt es zum Beispiel:

 

(...)ich hatte das merkwürdige Gefühl, als ob mein ganzes Ich in meinen Kopf heraufgesaugt würde, sowohl der Körper als auch die Gedanken – alles.

 

In jenen Erzählungen, in denen Breiteig Alt und Jung aufeinandertreffen lässt, verharrt sein Blick nicht auf eine der beiden Seiten, sondern versetzt sich auf überzeugende Weise in die Verschiedenartigkeit der Welten. Nie geht es nur um Schmerzen und Sehnsucht nach Fürsorge, sondern auch um jugendliche Unabhängigkeit und Verantwortungsdruck. In der gleichen Geschichte können sexuelle Begierde und Schwerhörigkeit thematisiert werden, ohne dass der Leser mit Glaubwürdigkeit zu kämpfen hätte. Der Autor behandelt seine Figuren mit tiefem Respekt und beschreibt ihr Leben mit subtiler Zuneigung. Diese meisterhafte Verbindung aus literarischer Bescheidenheit und klaren Bildern machen „Phantomschmerzen“ zu einem Lesevergnügen, das man in der Sonne, am Kamin und lange, nachdem das Buch fertiggelesen ist, genießen kann.

Es verwundert lediglich, dass dieses in Norwegen mehrfach ausgezeichnete Werk erst jetzt ins Deutsche übersetzt wurde. Die Themen darin sind jedenfalls zeitlos.

 

Bjarte Breiteig:

"Phantomschmerzen"

Aus dem Norwegischen von Bernhard Strobel

Luftschacht Verlag 2013

132 S., Euro 17,40

ISBN 978-3902844170

 

 

 

 

Eine Pionierarbeit zum Thema 9/11 in der deutschsprachigen Literatur und Kultur

Heide Reinhäckel: "Traumatische Texturen. Der 11. September in der deutschen Gegenwartsliteratur"

Von Ada Bieber

 

Die Dissertation von Heide Reinhäckel mit dem prägnanten Titel „Traumatische Texturen. Der 11. September in der deutschen Gegenwartsliteratur“, die in diesem Jahr im Transcript Verlag erschien, schließt ein offenkundiges Desiderat in der kultur- und literaturwissenschaftlichen Forschung zum künstlerischen Umgang mit diesem Terrorereignis aus deutscher Perspektive.

Die Verfasserin macht in ihrer Arbeit drei große Schwerpunkte auf, indem sie erstens den medialen Umgang mit den Terroranschlägen in New York fokussiert, zweitens explizit literarische Arbeiten zu 9/11 analysiert und drittens den Versuch unternimmt, ein literarisches Umfeld zu beschreiben, innerhalb dessen sich explizite und implizite Literatur zum 11. September etablieren kann.

Der erste Teil, der „Narrative, Bilder und Topoi des Medienereignisses 11. September“ aufgreift und beschreibt, macht deutlich, dass 9/11 durch die weltumspannende Lifeübertragung zur epochalen Zäsur und gleichsam zum „Ausdruck komplexer globaler Veränderungen“ (17) wurde. Die Autorin zeigt in ihren Darstellungen zwar eine Vielzahl medialer Aspekte – über die Krisenberichterstattung und Bildkonnotationen bis hin zur Erinnerungskultur –, schweift dadurch aber auch etwas von ihrem eigentlichen Anliegen, der analytischen Aufarbeitung der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur zu 9/11, ab. Dieser widmet sie den zweiten Teil mit dem Titel „Literatur als Echtzeit-Inszenierung zwischen Blogsphäre, New Journalism und Dokumentarismus“, der unterschiedliche literarische Formen und Texte zu 9/11 aufgreift und bespricht. Hier wurde unzweifelhaft Pionierarbeit geleistet und ein erhellender Forschungsauftakt gefunden. Unschwer lässt sich jedoch feststellen, dass in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur bisher nur wenige Texte zu diesem Thema vorliegen. Daher dehnt die Verfasserin das Thema im dritten Teil auf „Terrorismus-Narrative“ aus. Das ist zwar ein spannendes Feld, wirkt in diesem Kontext jedoch wie ein Lückenfüller und verschiebt unweigerlich das Gesamtthema des Buches. Das ist schade, denn Forschungsvorhaben und der eröffnete kulturwissenschaftliche Kontext verlieren durch diesen Abschluss einiges von ihrer Relevanz. Passender wäre es gewesen, filmische Narrative über 9/11 aufzunehmen oder genauere Einzelanalysen anzuschließen.

Nichtsdestotrotz ist diese Forschungsarbeit absolut lesenswert, denn Reinhäckel versteht es, diverse Phänomene und Aspekte zum 11. September miteinander in Verbindung zu bringen und für die Darstellung in eine angenehm-erzählende Sprache zu überführen. Dieses breit gefächerte Werk sei also allen Interessierten und Fachwissenschaftlern empfohlen.

 

Heide Reinhäckel: "Traumatische Texturen. Der 11. September in der deutschen Gegenwartsliteratur"

Transcript Verlag 2012

266 S., 29,80 €

ISBN 978-3837619539

 

 

 

Hyperrealistisch, trocken und dröge

Hinrich von Haaren: Brandhagen. Panorama einer kleinen Gesellschaft

Von Bettina Meinzinger

 

Zuallererst muss das Buchcover erwähnt werden, denn es ist mindestens das zweitschönste des Jahres. Lieber, als es zwischen den anderen Büchern im Regal verschwinden zu lassen, würde ich es an die Wand hängen. Aber das geht ja nicht, oder? Siehe auch: www.cedrickaub.com.

Das Zweite ist der Inhalt. Ein Kaff in Norddeutschland in den 1960ern und 70ern. Hier mieft es nach Eintopf, dunklen Holzmöbeln, Putzmittel und rechtschaffenen Bürgern. So sehr, dass man kaum Luft bekommt. Der Protagonist, dem wir von seiner frühen Kindheit bis ins Jugendalter hinein folgen, wächst in einer biederen Kaufmannsfamilie auf. Das Sagen haben die Frauen. Da wäre die autoritäre, beständig mäkelnde, aber Schutz bietende Großmutter, die leicht herrische Cousine Alexandra, Erdmute, das reinliche, sauberkeitsfanatische Hausmädchen mit einem Hang zum Klatsch, die exotische und die französische Literatur liebende Nachbarin Asta von Merk, zwischen denen er aufwächst. Die Brandhagener Männer sind wortkarg und flüchten sich ins Vereinsleben, in Kegelclub und Schützenverein.

Der muffige Provinzort bietet nur wenig Raum für Andersartigkeiten. Auch wenn man gerne über kleine Skandälchen tratscht, unterdrückt man die eigenen Leidenschaften durch Fleiß und Strebsamkeit. Nur wenigen ist ein kleines bisschen Divergenz gestattet. Und natürlich sind auch in Brandhagen die Redlichsten in vielem die Unanständigsten.

Geradezu hyperrealistisch, trocken und dröge wie seine Protagonisten, beschreibt von Haaren das Leben in Brandhagen, wo man überall auf Schranken stößt, gäbe man sich nur die Mühe, überhaupt danach zu suchen. Stattdessen wird das beklemmend Kleinbürgerliche, in dem das meiste unausgesprochen und unhinterfragt bleibt, aufrechterhalten – zumindest von der Generation der Eltern und Großeltern. Am Ende kann nur ein Ausbruch aus dieser lähmenden Atmosphäre stehen.

 

Hinrich von Haaren: Brandhagen. Panorama einer kleinen Gesellschaft

Luftschacht Verlag 2012

40 S., 22,40 €

ISBN 978-3905804386

 

 

 

 

 

 

Neues vom Wuppertaler Seltsamann mit dem Sondermann

Eugen Egner: „Totlachen im Schlaf“

Von Daniel Ableev

 

Eugen Egner ist ja eigentlich so etwas wie ein deutsches Nationalheiligtum – nur dass das den meisten nicht bekannt ist. Ohne Egner, der von sich sagt, das Groteske sei schon immer Teil seines Lebens und Strebens gewesen, wäre viel wertvolles Seltsamkraut à la „Eines Abends beim Fernsehen erfand mein Vater die Kleinfamilie“ nie gesät und geerntet worden. Klar, für die meisten sind solche Albernheiten eher Unkraut, das gejätet gehört. Aber Egners Bücher – so auch sein aktueller Erzählungsband „Totlachen im Schlaf“ – sind zum Glück nicht für die meisten gedacht.

 

Die Leitmotive in den 13 Kurzgeschichten und der titelgebenden Erzählung am Schluss sind: Mond, Mädchen, Paviane. Wie schon in seinen letzten Veröffentlichungen „Schmutz“ oder „Nach Hause“ gibt es hier eine bürgerlich-realistische Prosa, die von wirrtuosem Wahnwitzismus umweirdet wird. Während die Ausgangssituationen tendenziell wenig Aufsehen erregen und die Protagonisten unphantastische Namen wie „ich“, „Arland“ oder „Schumann“ tragen, lauert hinter der nächsten Buchseite mit hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit eine knallharte Egnereske. Thematisiert werden unter anderem die obskure Zeitschrift „Der Monddoktor“, eine krasse Krankheit, deren Opfer, durch ein Sekret begünstigt, zum Festkleben in möglichst hohen Baumkronen neigen, ein bizarres Pseudomädchen auf Staub- und Strahlenbasis, das Klarkommen eines erwachsenen Mannes mit seinem „inneren Mädchen“, ein seelengetriebener Anrufbeantworter … und der absurd schlechte/gute (bzw. so schlechte, dass schon wieder gute, also schluchte (und vice versa)) Komiker mit dem derbe reinknackenden Namen Müller-Pavian, der nicht nur seinen guten Draht zum Mond, sondern auch seine Opfer im Schlaf mit unsagbar komischen Killerwitzen ins Jenseits zu amüsieren pflegt. Am Ende mündet jedenfalls alles, Robert Aickmans „Strange Stories“ nicht unähnlich, ins traum-/paralogische Abseits, worin sich herrliche Hinweise auf das Unaussprechliche zu einer Abstrusitätssingularität sublimieren.

 

Intermeßßo: Was Orthographie angeht, setzt Egner voll auf Old School. Und man kanns ihm nicht verdenken – zwar mag „dass“ oder „müsste“ phonetisch logischer sein, doch ein „daß“ oder „müßte“ strahlt einfach eine besondere Wärme aus, die der neuen Rechtschreibung nicht länger eigen zu sein scheint. Man versinkt plötzlich in den Unendlichen Sommern der 90er, als Kurt Cobain noch lebte, DJ Bobo noch bobote und Tablet-PCs nur einigen wenigen Auserwählten (Jean-Luc Picard, Data usw.) vorbehalten waren …

 

Was mich allerdings in Egners Geschichten stört, ist das Stilmittel der rhetorischen Nachfrage, welche die aus ihrem mehr oder weniger bequemen Alltag herausgerissenen Protagonisten allzu gerne an sich selbst oder den Leser stellen: „Wie hatte sie auf den Mond geraten können?“, „Wie kann ich in dieser Zeit so gealtert sein?“, „Wenn die vier keine ‚Mädchen’ waren, was waren sie dann?“ usw. Der vom Autor immer wieder aufgedrängte Abgleich mit der (extradiegetischen) Normalität, in der Paviane keine Schallplatten abspielen (von Aufnehmen ganz zu schweigen), schwächt die Phantastik ab. Doch alles in allem sind Egners schleichende Kühnae nach wie vor besonderbarer Kult. Denn Eugen Egner ist ja eigentlich so etwas wie ein deutsches Nationalheiligtum – nur dass das den meisten nicht bekannt …

 

Eugen Egner:

„Totlachen im Schlaf“

Edition Phantasia 2012

132 Seiten, Euro 17,00

ISBN: 978-3937897530

 

Vom Rezensenten ist zuletzt das seltsame Jugendbuch "Alu" (ISBN 978-3938531143) erschienen. 

 

Hoch

 

 

Zwischen den Schichtungen einer Stadt: Weltliteratur des 21. Jahrhunderts

Teju Cole: "Open City"

Von Ada Bieber

 

Der fulminante Erstlingsroman „Open City“ des New Yorker Autors Teju Cole ist endlich auch in Deutschland erschienen. Dieser in vielen Passagen essayistische Text, in dem es weniger um einen zusammenhängenden Plot als vielmehr um das Verflechten von Überlegungen zu den großen Themen des beginnenden 21. Jahrhunderts geht, greift auf die literarische Tradition des Flaneurromans zurück und zeigt eine postmoderne Variation des Genres. Die Stadt New York – gern stilisiert in einem konfusen Bild der Hektik, voller gelber Taxis und ratternder U-Bahnen – wird in diesem Roman zu dem, was sie eben auch oder sogar eher ist: zum Raum der Flaneure, die herumtreiben und Zeugen eines heterogenen Gebildes aus Menschen, Geschichten, Zeiten und Orten werden.

Der in New York lebende Psychiater Julius, der in Lagos mit einem nigerianischen Vater und einer deutschen Mutter aufwuchs und keine enge Bindung mehr an die Familie hat, beschäftigt sich, während er die Stadt durchmisst, fortwährend mit Fragen der Transkulturalität und der eigenen Identität. Die Stadt dringt während des Laufens nicht nur, wie Julius anfangs behauptet, in sein Leben ein, sondern er dringt auch in das Stadtleben ein und erkennt Muster, Brüche und Charakteristika der heutigen Gesellschaft. Damit begibt er sich auf die Suche nach Verbindungslinien in einer extrem heterogenen Gegenwart, die seiner eigenen familiären Welt in den Brüchen, Alteritäten und Verwebungen entsprechen. Anders als der Flaneur des 20. Jahrhundert gehört Julius aber weder dem gehobenen Bürgertum an noch flaniert er gemessenen Schrittes durch eine anregende Szenerie der Großstadt. Er ist eine mehrdimensionale Figur; humanistische Bildung, beruflicher Erfolg und ein enormes Kulturwissen sind ihm ebenso eigen wie biographische Abgründe sowie physisches und psychisches Leiden unter nicht nur latentem Rassismus.

Dem Schritt des Erzählers haftet, mit dieser Zerrissenheit korrespondierend, oft ein ungemeines Tempo an. Er wird oft mehr vorangetrieben, als dass er sich treiben lässt. Nur selten kommt er zur Ruhe, meist nur während er über die bildende Kunst nachdenkt oder beispielsweise in der Carnegie Hall einer Aufführung der Neunten Symphonie von Mahler lauscht. Bezeichnenderweise verlässt er diesen Ort der Kultur unfreiwillig durch den Notausgang - er als dunkelhäutiger Einwanderer inmitten einer Kultur-High-Society ist immer noch Eindringling. Julius bemerkt inmitten des kulturellen Schmelztiegels New York:

 „(...) dennoch ist es immer wieder erstaunlich, wie einfach es ist, die Hybridität der City hinter sich zu lassen und ein ganz und gar weißes Umfeld zu betreten, dessen Homogenität, soweit ich das beurteilen kann, den Weißen nichts auszumachen scheint.“ (S. 324)

Der junge Arzt kommt nicht umhin, vor allem sich selbst zu hinterfragen, während er oft abseitige Orte New Yorks aufsucht. Gleichzeitig kundet er immer auch nach einer über das Individuelle hinausgehenden Allgemeingültigkeit seiner Beobachtungen. Die eigene Familie, die kulturelle Buntheit in seiner Biographie sowie mancherlei tiefe Verletzungen lenken den Blick weg vom Glamourösen des urbanen Lebens. Unübersehbar haftet dem Erzähler ein emotionaler Mangel an, der ihn vereinsamen lässt und nicht nur zum Opfer, sondern auch zum Täter macht. Aus dieser Einsamkeit entspinnen sich Erinnerungen, Reiseberichte und Analysen über das gegenwärtige Amerika, über die afrikanische Lebenswelt und ein aufgewühltes Europa. Cole greift die großen Themen unserer Zeit wie Migration und Fremdheit auf. Die Qualität liegt vor allem darin, dass Cole diese nicht nur nebeneinander stellt und getrennt betrachtet, sondern, eben dem Konzept der Transkulturalität (Wolfgang Welsch) angepasst, unentwirrbar miteinander verwebt. Und so laufen nicht selten Themenpaare wie ›Erinnern und Vergessen‹, ›Gewalt und Verletztheit‹ oder ›Hoch- und Subkultur‹ in der Figur dieses Gegenwarts-Flaneurs zusammen.

Am Ende des Romans kommt der Leser nicht umhin sich zu fragen, welche Bedeutungen dem auf den ersten Blick so griffigen Titel „Open City“ eingeschrieben sind. Eine naive Offenheit kann kaum noch gemeint sein! Vielmehr scheint es auch um verborgene Öffnungen in einer unübersichtlichen Welt zu gehen, die den Leser weg von klischeehaften Vorstellungen einer Multikulti-Stadt führt. Der Titel erinnert zudem an den aus dem Kriegsrecht bekannten Begriff einer unbefestigten Stadt oder, eher noch, einer Stadt ohne Verteidigungsmächte, die daher nicht angegriffen werden darf. Dieser Verweis auf die mitschwingende Verletzlichkeit kann, wenn es um das heutige New York geht, nicht mehr jenseits des Terroraktes vom 11. September 2001 gedacht werden. Die Flaneurgeschichten enden mit einer Erzählung, die davon berichtet, dass die Freiheitsstatue zu einer Zeit, als sie noch als Leuchtturm fungierte, lange Jahre hindurch vielen tausend Vögeln den Tod brachte, weil sie sich massenhaft vom hellen Licht der Fackel verwirren ließen und wie lauter Flugzeuge am Symbol der Freiheit zerschellend ihren Tod fanden. Ist dies nun eine Alternativgeschichte zu 9/11 oder nur eine andere Form, über den Terrorakt zu sprechen?

In jedem Fall ist es, wie das gesamte Buch, eine Form des Nachdenkens über Offenheit und Verletzlichkeit der gegenwärtigen Gesellschaft. Dieses so kluge und anregende Buch ist eine Sensation; es ist nichts anderes als Weltliteratur des 21. Jahrhunderts!

 

Teju Cole:

„Open City“

Aus dem amerikanischen Englisch von Christine Richter-Nilsson

Suhrkamp 2012

333 Seiten, Euro 22, 95

ISBN: 978-3518423318

 

 

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Schwarz und schwärzer, Loch und Löcher

Charles Burns: „Black Hole“

Von Sarah Kassem und Daniel Ableev

 

Der Inhalt von „Black Hole“ ist schnell zusammengefasst: Ein Vorort von Seattle, die 1970er, eine Schule. Eine Epidemie bricht unter den Schülern aus, der „Bazillus“, welcher anscheinend sexuell übertragbar und nicht kurierbar ist. Symptome der Krankheit sind divers: Einigen wachsen Schwänze, andere bekommen Geschwüre oder leiden unter totaler Deformation. Die kranken Schüler verstecken sich im Wald und klinken sich aus der Zivilisation aus.

Zu den Hauptcharakteren zählt Chris, eine schöne Schülerin, in die diverse männliche Mitschüler verliebt sind. Rob steckt Chris anscheinend mit dem Bazillus an, jedoch bleiben die beiden zusammen, weil sie sich lieben. So nimmt die Geschichte ihren Lauf: Es geht um das Verhältnis von Chris zu Rob, Keith, Dave und anderen Mitschülern, um die Krankheitsproblematik, die Flucht von zu Hause, Alkohol- und Drogenmissbrauch, seltsame Halluzinationen – bis schließlich diverse Handlungsstränge in ein offenes Ende münden.

Als Erstes fällt der brillante Zeichenstil auf – ein laserscharfer Duktus mit einem Retro-Hauch von Pop-Art à la Roy Lichtenstein. Ultrapräzis konturierte Zeichnungen in geschmackvoll-groteskem S/W, wobei die Farbe Schwarz eindeutig dominiert, sind für das Verhängnisvolle von „Black Hole“ wie geschaffen und machen den Alptraum geradezu haptisch erfahrbar. Der von Sexuellem aller (Ab-)Art durchsetzte Bildroman – Vaginas, Brüste, Penisse und Rückseiten kommen massenhaft vor, besonders der weibliche Schambereich ist überrepräsentiert; Wunden, Wolken, Münder, Risse, Äste … alle sind sie in Vagina-Form, und irgendwann ist das Auge so darauf trainiert, dass man überall Vaginales zu erkennen glaubt – liest sich extrem spannend, denn Charles Burns ist etwas äußerst Atmosphärisches geglückt. Böse, phantasmagorische und zu guter Letzt bleibende Eindrücke sind fast auf jeder Seite zu finden.

Das Schwarze Loch ist als kosmologisches Konzept für knallharte Horrormetaphorik natürlich perfekt geeignet. In der Tat braucht man nicht viel mehr als die Farbe Schwarz, die für das unaussprechliche, wabernde Nichts steht, und ein Loch, welches jene Art von unsanftem Übergang zwischen Bekannt und Fremd, Natürlich und Wider(natür)lich repräsentiert, der hier plötzlich in die High-School-Leben der Protagonisten eindringt.

Dunkelheit regiert und kommt in wenigen Farben, aber vielen Formen zum Tragen. Dem Leser begegnen zahllose Anomalien: Rob entwickelt eine Art Vagina am Hals, die geheime Botschaften flüstert, Chris zieht sich mit einem Zug die Haut ab. Es gibt auch hin und wieder Tentakelhorror, was in diesem Genre natürlich immer nur ein Plus sein kann. Die Handlung ist zuweilen etwas verwirrend, aber das Feeling des Bösen, das den Seiten dieses Buches innewohnt, ist sehr stark und unheimlich. Und in all diesem Wahnsinn gibt es dennoch Raum für Liebe und Romantik.

Am Ende des Buches bleibt man etwas irritiert zurück angesichts der Diskrepanz zwischen der relativ banalen Geschichte samt Teenager-Umgangsprache einerseits und der bizarren Erotik sowie dem Horror andererseits. Ein weiteres Element, das zur Verwirrung beiträgt, ist der Umstand, dass sich die Gesichter alle ähnlich sehen und man ständig die Personen verwechselt. Einzig Chris mit ihrem Muttermal hebt sich vom Rest ab. Auch haben die Schüler allesamt viel zu erwachsene Gesichter, um als Teenager durchzugehen.

Das Buch ist sehr groß, schwer und mächtig – Leserillen im Buchrücken sind unausweichlich. Trotzdem hat man „Black Hole“ in wenigen Stunden gelesen, denn es besteht nur zu ca. 20 Prozent aus Text, der Rest sind die überwältigenden Bilder, teilweise mehrseitig ohne Text. So auch der elegante Schluss: ein viereinhalb Seiten umfassendes Sternenhimmelpanorama, das ins Zentrum der Galaxie, Heimatland der Schwarzen Löcher, hineinzuzoomen scheint.

Doch was ist nun eigentlich dieser „Bazillus“? Eine Metapher für die Pubertät? Oder eine Generation-X-Story: die degenerierte Jugend und ihre Selbstzerstörung und Selbstzweifel? Ist es eine Coming-of-Age-Geschichte mit Horrorelementen oder eine Erwachsenen-Geschichte, betrachtet durch das Spiegelbild der Jugend? Was hat es mit den „Blair Witch Project“-artigen Figuren im Wald, wo die deformierten Schüler hausen, auf sich? Was bedeutet die Selbsthäutung, die bei Chris stattfindet? Und das Schwarze Loch: Ist es der Sog der Sexualität, der Drogen und des Alkohols, etwas Übernatürliches, Aliens, oder doch – aufgrund der zahlreichen Symbole – die Vagina per se?

Der Name Charles Burns kommt einem bekannt vor, und tatsächlich: nach einiger Recherche findet man heraus, dass Matt Groening mit Burns in der Highschool für dieselbe Schülerzeitung tätig war und sich bei der Namensgebung seiner „Simpsons“-Figur Mr. Burns inspirieren ließ.

Die Widmung in „Black Hole“ ist übrigens eine Aneinanderreihung von vielen Vornamen, die womöglich Burns’ ehemaligen Mitschülern gehören. In einer Art Prolog-Gimmick sieht man nämlich verschiedene Jahrbuchbilder, die am Ende des Buches eine Reprise erfahren, jedoch in Post-Bazillusinfektions-Ästhetik.

Fazit: ein optisch opulenter und berauschender Comic, hocherotisch und mit groteskem Horror übersät. Im Gegensatz zum Gezeichneten, das die absolute Bestnote verdient, sind das Gesagte und die Handlung jedoch weniger kunstvoll, also eher „akzeptabel mit Tendenz zu langweilig“.

 

Charles Burns:

„Black Hole“

Reprodukt 2011

368 Seiten, Euro 24

ISBN: 978-3941099753

 

 

Hoch

 

 

Kunstvolle Strandungen in Serie

Lucien Deprijck: „Die Inseln, auf denen ich strande“

Von Ada Bieber

 

Es gibt Stoffe und Motive in der Literatur, die sich nicht abnutzen, obwohl sie immer und immer wieder variiert werden und sich in allen narrativen Kontexten wiederholen. Manche halten sich schon seit der Antike. Aber nur wenige büßen so wenig von ihrer Faszination ein wie diese Motive: Schiffbruch, Strandung, Insel! Kaum eine Motivkette wurde in der Literatur so oft bemüht und Odysseus und Robinson sind wohl nur die beiden populärsten Beispiele für die Motivverbindung. Robinson Crusoe war sogar namensgebend für das Genre der Robinsonade, das auf die Motivkombinationen kaum verzichten kann. Doch trotz allem Altbekannten sind viele der literarischen Schiffbrüche, Strandungen und Inselschicksale jedes Mal aufs Neue faszinierend. So hat sich längst eine feste literarische Tradition gebildet.

Lucien Deprijck hat sich nun mit 18 Erzählungen über das Stranden auf Inseln in diesen literarischen Diskurs eingeschrieben. Die Qualität seiner Erzählungen liegt nicht darin, dass er diesen Diskurs um Neues im Sinne des bisher noch nicht Gekannten bereichern würde, sondern vielmehr in einer gekonnten und unterhaltsamen Durchdeklination unterschiedlicher Möglichkeiten von Insularität. Deprijck versteht es in kurzweiliger Unterhaltungsabsicht, den Inseldiskurs gewinnbringend aufzufächern und unterschiedlichste Inseln in Form, geographischer Lage, Bevölkerungsdichte und Überlebensmöglichkeiten vorzustellen. Dabei zitiert er in direkter und auch in indirekter Weise bekannte Inselschicksale aus der Weltliteratur. Während beispielsweise die neunte Strandung auf einem abgelegenen Inselstaat und die irrsinnig-beharrliche Nachfrage nach den Papieren des Gestrandeten stark an Passagen aus B. Travens „Das Totenschiff“ erinnern, so nimmt die dreizehnte Strandung direkt Bezug auf Mark Twains Geschichten über Tom Sawyer und Huck Finn auf der Jackson-Insel. Diese literarische Strandung des Ich-Erzählers ist metaphorisch gemeint, so wie viele der Inselstrandungen durchaus metaphorisch zu lesen sind. Der – scheinbar – gleiche Ich-Erzähler beschreibt mit seinen Strandungen stets auch das menschliche Versagen in unterschiedlichsten Situationen und zeigt mittels der diversen Inselformationen vom kleinen nackten Felsen bis zum Touristenparadies diverse Isolationsgrade in der Gesellschaft ebenso wie ein Hin-und-Her-Geworfensein in gegenwärtigen Abgründen der Gesellschaft! Der Wert dieses Buches liegt daher auch weniger in der Innovation oder im Stil, als vielmehr darin, dass Lucien Deprijck es versteht, den insularen Möglichkeiten eindeutige Bilder zu geben, die in auffälliger Weise für die heutige Gesellschaft stehen. Unsoziales Verhalten, Feindseligkeit, Selbstsucht, aber auch Hilfsbereitschaft und Freundschaft treten in diesen Robinsonaden geradezu genretypisch in Erscheinung.

Diese Strandungen in Serie werden durch die feinen, exakt realistischen und detailverliebten Bilder von Christian Schneider auf wundervolle Weise eingefasst. Der Verlag hat aus den Geschichten und den Bilder einen wirklichen Liebhaberschatz gemacht, wurde doch ganz offenkundig viel Mühe in die Ausstattung des Buches gesteckt – das übrigens darin sehr Judith Schalanskys Inselbuch im Mareverlag erinnert.

Dieses Buch ist selbst eine Insel, auf der es zu stranden sich lohnt und die man kaum freiwillig verlassen mag. Dieses literarisch-künstlerische Buch sei deshalb jedem zum Stranden ausdrücklich empfohlen!

 

Lucien Deprijck:

"Die Inseln, auf denen ich strande"

Mit Illustrationen von Christian Schneider

Mareverlag 2012

208 Seiten, Euro 28,00

ISBN 978-3-86648-171-8

 

 

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Meinungsfreude, Fachwissen

Hubert Zapf (Hg.): „Amerikanische Literaturgeschichte“

Von Lucas Kohlschreiber

 

Amerikanische Literaturgeschichte, mein Gott, was soll da schon drinstehen? Hier ein wenig Hemingway, dort ein bisschen Updike, eben all das, was im 20. Jahrhundert die Welt auch eroberte, weil es das „amerikanische“ Jahrhundert war?

Rhetorische Fragen, natürlich - ein Blick in die -übrigens extrem einladend gestaltete - Literaturgeschichte, die Hubert Zapf, Amerikanistik-Professor an der Universität Augsburg, herausgegeben hat, genügt, um eines besseren belehrt zu werden.

Das Konzept, die Literatur einzubetten in historische und gesellschaftliche Strömungen, hat in Bezug auf die USA seinen besonderen Reiz. Amerika war für seine Romanciers auch immer eine Idee, und das zu erkennen, sie bei jeder Persönlichkeit und in jeder Epoche herauszuschälen, das ist ein Verdienst dieses Buches.

Es fallen die bekannten Namen und Stichworte: Wer also Vergewisserung sucht, der findet sie. Nachschlagen möglich! Doch dazu ballt sich Wissen über die Standards hinaus, und man muss schon nach wenigen Seiten Lektüre zugeben, dass auch eine so beachtete Literatur wie die US-amerikanische viele Blumen, die im verborgenen blühen, trägt.

Chronologisch geht es vor, dieses zudem handliche Buch, und nach sinnvoll gesetzten Themenschwerpunkten (besonders dankenswert: „Multikulturalität“ und „Literaturkritik und Literaturtheorie“). Meinungsfreude paart sich mit Fachwissen - eine sehr spannende Angelegenheit, vor dem jüngere Leser keine Scheu haben müssen (sowie nicht vor dem Preis: Nur knappe 30 Euro für soviel Buch!) ; im Gegenteil, das weckt richtig Lust, sich mit Literatur zu beschäftigen!    

So ist dieses Werk eines, mit dem man etwas für den eigenen Horizont tun kann - nein: Sollte.

 

Hubert Zapf (Hg.):

„Amerikanische Literaturgeschichte“

Metzler 2010

619 Seiten, Euro 29,95

ISBN 978-3476023

 

 

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Zutiefst österreichisch

Alfred Goubran: "Aus"

Von Bettina Meinzinger

 

Der schwerste Gang für Eltern, sagt man, ist der zum Grab des eigenen Kindes. In „Aus“ von Alfred Goubran ist es der Weg zurück, zurück vom Begräbnis der tot geborenen Tochter, zurück in die „Normalität“, der begangen werden muss. Hinter Muschg her, dem Theaterdisponenten, trabt sein Freund Münther, Zeitungsredakteur, hinaus aus dem Wiener Zentralfriedhof, weg vom Babyfriedhof. Seine Frau, die gefeierter Schauspielerin Anna Kerf, liegt im Koma.

Doch geht es hier nicht um die Erzählung eines Einzelschicksals, sondern vielmehr um die Befindlichkeiten eines ganzen Landes. Um den selbstbezogenen, hohlen Kulturbetrieb etwa, exemplarisch aufgezeigt an der aus gutem Hause kommenden, um die Kunst bemühte Anna Kerf, dem dumpfen und in all seiner Geschmacklosigkeit hochmütigen Theaterdirektor Axmann und seiner Frau (den „Bordellbesitzer“ und die „Solariumsdiva“), dem Theaterpublikum, das die Stücke umso mehr goutiert, je dilettantischer sie sind.

Das Anbiedernde, Untertänige klagt Goubran an. Intellektuelle - wie Aumeier, der gemeinsame Freund von Muschg und Münther - bringen es zu wenig Erfolg. Aumeier, der, obwohl er tot ist, eine starke Präsenz einnimmt in diesem Buch. Der Ungenauigkeit im Denken und Handeln nicht gelten lässt. Der bei der Untersuchung der Familiengeschichte der Kerfs auf Verstrickungen mit den Nazis stößt.

Auch die Verdrängung, die versäumte Aufarbeitung der österreichischen Geschichte während des Nationalsozialismus ist ein Thema in Goubrans Buch. 

Goubrans Themen und sein Schreibstil sind zutiefst österreichisch. „Aus“ ist das Romandebüt des einstigen Verlegers der Edition Selene. Seine Gedanken sind klug und scharf, das Buch ein Vergnügen. „Die Rede kam aus seinem Mund wie ein langer schwarzer Stock“, zitiert er zu Beginn des Romans Franz Kafka, und ebenso ziehen sich die Worte wie ein sich langsam windender, bösartiger Wurm aus den Hirnen Münthers und Muschgs.

 

Alfred Goubran: "Aus"

Braumülller Literaturverlag, EUR 21,90

Gebunden, 416 Seiten

ISBN 978-3992000166

 

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Unprätentiöse Geschichte

Xóchil A. Schütz: "Was ist"

Von Bettina Meinzinger

 

Kindheit, Monster unterm Bett, Studium, Abnabelung vom Elternhaus, Beziehungen, Leben ohne geregelten 9 to 5-Job. Keine besonderen Vorkommnisse.

Der Roman von Xóchil A. Schütz will nicht mehr sein als eine Zustandsbeschreibung einer leicht labilen jungen Frau, deren Kindheit einen immer noch zu großen Raum in ihrem Erwachsenenleben einnimmt und deren Liebesbeziehung nicht glücken kann.

Xóchil A. Schütz‘ Metier sind die Wörter, vor allem die gesprochenen. Sie macht Hörspiel, Lyrik und Poetry Slams. Man kann sich das gut dazu denken, beim Lesen. Sie erzählt Alltägliches, das dadurch viel Identifikationspotential in sich birgt. Eine Grundtraurigkeit durchzieht den Text, der man sich auch gerne hingibt.

Was bleibt ist eine unprätentiöse Geschichte, die immer im eben Alltäglichen verankert bleibt, der man aber manchmal wünscht, sie würde über sich selbst hinauswachsen.

 

Xóchil A. Schütz:

"Was ist"

Asphalt und Anders Verlag 2011

159 Seiten, Euro 16,90

ISBN 978-3941639065

 

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Rasanz

John Cheever: " Die Lichter von Bullet Park"

Von Lucas Kohlschreiber

 

Ganz in der Tradition der großen amerikanischen Erzähler! Da steht John Cheever, man möchte schon sagen: Er kann nicht anders. Sein Roman „Die Lichter von Bullet Park“ ist eine Entdeckung, das schon, aber -für manche vielleicht auch tröstlich- man hat viele Wiedererkennungseffekte und De-ja-vus.

Die Story ist angesetzt im doch eher thematisch ausgelutschten Mittelstandsamerika der fünfziger Jahre, Auto, Haus, Garten, Baseball-Korb, brave, überschaubare Familienkonstellation. Für jüngere Leser aus Deutschland: Siehe heute diese elenden Neubaugebiete. Cheever lässt seinen Ort -Bullet Park heißt er- im Umland von New York erstehen. Ordnung und „Nachbarschaft“ werden dort groß geschrieben.

Der Protagonist, der nach Bullet Park und in eines dieser schrecklichen Häuser zieht, wird bald dem Pfarrer vorgestellt. So gewinnt die Handlung an Fahrt, bis die sie feststellen, dass in Bullet Park nichts ist, wie es sein sollte. Es ist kein Horrorroman, aber vom Aufbau der Geschichten, von der Spannung und der Rasanz her von Fitzgerald bekannt - und tatsächlich ebenbürtig. Und irgendwann, so viel sei verraten, kommt es zum Showdown. Und alles wird wieder!

Wenn man sich für amerikanische Literatur interessiert, gehört dieser Roman definitiv zum Kanon, andererseits ist es nicht erstaunlich, dass man von dem Buch noch nichts gehört hatte (es ist eine späte Entdeckung), denn diesem Genre zwischen Erzählung und Krimi fehlt doch ein wenig die literarische Berechtigung. Als Sozialkritik so ein Buch zu verstehen, dafür liefert es zu wenig Stoff, als reiner Krimi - zu viel. So ist „Die Lichter von Bullet Park“ nicht zwingend, aber doch eine sehr, sehr mit Niveau unterhaltende Lektüre.

 

John Cheever:

Die Lichter von Bullet Park

Dumont Buchverlag 2011

254 Seiten, Euro 24,90

ISBN 978-3832180683

 

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Nina Maria Marewski gelingt es

Nina Maria Marewski: "Die Moldau im Schrank"

Von Anne Spitzner

 

Helena lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Frankfurt am Main. Sie ist glücklich, aber wie die meisten Menschen fragt sie sich hin und wieder, was wohl geschehen wäre, wenn sie an wichtigen Wendepunkten ihres Lebens eine andere Richtung eingeschlagen hätte. Doch anders als die meisten Menschen bekommt Helena die Antwort auf ihre Frage. Sie wechselt in eine Parallelwelt, in der sie keine Kinder bekommen, sich gegen ihren Mann entschieden und eine Laufbahn als Künstlerin eingeschlagen hat. Und sie erfährt Beunruhigendes über den Mann, in den ihr Parallel-Ich sich gerade zu verlieben beginnt...

Nina Maria Marewski liefert mit ihrem Debütroman „Die Moldau im Schrank“ einen metaphysischen Roman ab, in dem sich Surrealität, existenzialistische Fragen des menschlichen Lebens mit einer gehörigen Portion Spannung, einem Hauch von Romanze und nur einem geringen Maß an Antworten verbinden. Sie wirft die Frage auf, wie fatalistisch wir das Leben sehen und einen wie geringen Einfluss wir darauf haben. Helena mag mit ihrem Versuch, sich in das Leben der Parellel- Helena einzumischen, letztendlich nicht völlig scheitern, aber wie viel mehr sie damit kaputtmacht als ganz behält, kann niemand sagen. Und die letzte große Frage, das letzte große Versagen, die Hin- und Hergerissenheit zwischen beiden Welten, sie bleibt am Ende doch. Weil man sich bei den ganz wichtigen Dingen im Leben eben nur ein einziges Mal entscheiden kann.

Passend zum Thema verläuft der Erzählstrang in Marewskis Roman in vielen verschiedenen Einzelteilen. Nicht weniger als sechs unterschiedliche Erzählpersonen gibt es, auch wenn sie nicht alle durchgängig vorhanden sind, und man verdankt es nur den geschickten Kniffen der Autorin, dass man nicht den Überblick verliert. Beispielsweise erzählt die „ursprüngliche“ Helena ihre Geschichte aus der Ich-Perspektive, während die Helena aus der Parellelwelt in der dritten Person beschrieben wird. Die Liebesgeschichten zwischen Helena und ihrem Mann, dem Fremden aus der Parellelwelt und einigen anderen Beteiligten sind beständig vorhanden, nehmen jedoch niemals überhand. Dies ist einer der Bestandteile, dem die Geschichte ihre beinahe unerträgliche Spannung verdankt.

Ein anderer ist die Tiefe, in die Marewski sich hinabbegibt. Sie kriecht den einzelnen Charakteren so unter die Haut, wie es Helena in der Parallelwelt tut, und der Leser folgt ihr, ob er will oder nicht. Er verfolgt Helenas Ängste um ihr frisch verliebtes Parallel-Ich, er folgt dem Fremden und erhält Einblick in seine Gedanken, sodass er am Ende dasteht und nicht weiß, was er glauben soll. Es ist schwer, seine Leser dazu zu bringen, dass sie selbst einen dutzendfachen Frauenmörder nicht restlos verdammen.

Nina Maria Marewski gelingt es. Und „Die Moldau im Schrank“ bleibt aufgeschlagen, bis man auch die letzte Seite ausgelesen hat.

 

Nina Maria Marewski:

Die Moldau im

Bilgerverlag 2011

496 Seiten, Euro 24,90

ISBN 978-3037620151

 

Hoch

 

 

Schlechtes Cover – Super Geschichten

Alexander Špatov : „Fußnotengeschichten“

Von Iris Kersten

 

Haben Sie sich schon mal durch ein Cover vom Buchkauf abschrecken lassen? Ich bestimmt. Also nur gut, dass ich in diesem Fall das Cover nicht kannte, als ich das Buch aus einer Liste mit Rezensionsvorschlägen ausgesucht habe. Ich hätte nie im Leben die Lust verspürt, dieses Buch zu öffnen, geschweige denn, es zu lesen. Nachdem es nun aber in meinem Briefkasten lag, habe ich folglich den Schutzumschlag entfernt und mich an die Lektüre gemacht.

Fantastisch!

Dieses Buch ist eine absolute Bereicherung – einfach, weil es Spaß macht. Zwanzig Kurzgeschichten, präsentiert in Fußnotenform: Der Ausgangspunkt ist jeweils ein Zitat (präsentiert wie eine Überschrift) mit einer Fußnote. Die Fußnotengeschichten dann folgen Seite für Seite einem Unterstrich (wie eine richtige Fußnote eben) aus realen, literarischen oder virtuellen Welten. Der bulgarische Autor Alexander Špatov besitzt die Gabe, aus einer Randbemerkung, einem Zitat, etwas völlig neues zu entwickeln: Stadtgeschichten aus dem Herzen Bulgariens, Alltagsbeobachtungen, wobei das Ende jedoch nie vorauszusehen ist. Špatovs Betrachtungen sind hierbei stets philosophischer Natur.

Seine Geschichten sind so heiter wie sie auch bissig sind, teilweise sogar grotesk wie zum Beispiel die erste Erzählung über die Entstehung des Universums; für welches ein gefräßiges Schweinchen verantwortlich ist, da es so gierig war, dass ganze transkosmische Futter aufzufressen, so dass nur noch die Leere übrig blieb. Also fraß das Schweinchen die Leere (die übrigens niemals zur Neige geht) „und so kam es dementsprechend zur Erweiterung des Raumes und genau aus diesem Grund begann das Universum zu wachsen.“

Die Erzählungen sind aus der Perspektive eines von außen beobachtenden Autors heraus geschrieben, mit dessen stetigen Kommentaren wie zum Beispiel „es war wirklich nicht zu beschreiben, wie unser Mann jede einzelne Minute unter der brütenden Sonne durchlitt (genau deshalb werden wir es auch gar nicht erst versuchen).“ oder „!!!!!!!!!!!! (Ich bring die Ausrufezeichen hier auf einem Haufen, Sie können sie ja dann oben einfügen, wie Sie es für richtig halten.)“.  Die Sprache ist schnörkellos, klar und meist umgangssprachlich mit viel Dialog.

Eine gelungene Art, die Ironie des Lebens darzustellen: Jede Erzählung endet mit einer Überraschung, der Leser erfährt ein kleines Detail, welches die Geschichte in ein völlig anders Licht rückt. Hier als Beispiel Fußnote Nummer (3) zu „dem Grußwort des Rektors an die Studienanfänger der Medizinischen Akademie“: Ein Patient besteht darauf sein Blut zu spenden, obwohl er vor zwei Monaten (und tatsächlich schon seit zehn Jahren alle zwei Monate) Blut gespendet hat. Der Arzt ist dagegen, doch der Spender überzeugt ihn: „Und wenn dann plötzlich die Blutkonserven alle sind? Was machen sie da – etwa das Blut vom Boden aufwischen?“ Er selbst sieht sich als Universalspender (hat er doch Blutgruppe 0) und als Blutfabrik. Im letzten Satz erfahren wir dann, dass... Lesen sie selbst. Es lohnt sich!

PS. Nach Beendigung der Lektüre muss ich gestehen, der Bucheinband steht im Zusammenhang mit den Geschichten: Erstens sind die Erzählungen genau so absurd wie das Cover, zweitens sind die 18 mittleren praktisch von zwei Schweinchen-Geschichten eingerahmt. Die erste erwähnte ich oben, in der letzten übernimmt der New Yorker Mr. Martin bei Realfarmer.com die Verantwortung (das heißt Bezahlung) für die Aufzucht eines kleinen Ferkels in Bulgarien. Er tauft es George. E-Mails halten Mr. Martin über die Entwicklung seines Babys auf dem Laufenden. So lange bis er die letzten Worte liest: „GAME OVER“. Was ihn dazu veranlasst, auf dem schnellsten Weg einen Flug zu buchen, um nach George zu sehen...

Nichtsdestotrotz, ich bleibe bei meiner Meinung: Schlechtes Cover (oder sagen wir Geschmackssache) – super Geschichten.

 

Alexander Špatov:

„Fußnotengeschichten“

Wieser Verlag 2010

151 Seiten, 18,80 Euro

ISBN: 978-3851298758

 

Hoch

 

 

Es springen die Sätze hin und her

Katha Schulte: "Unwesen"

Von Anne Spitzner

 

„Ich lag und wartete. Ich hatte Zeit, nichts als Zeit. Ich wartete, dass etwas in den Kopf kam. In meinen Kopf.“

Denn der Kopf ist leer. Der Kopf der namenlosen Protagonistin, der Ich- Erzählerin in Katha Schultes Roman „Unwesen“ enthält nur noch wirre Gedanken und kein Rezept, kein Patent mehr, nicht einmal mehr eine Ahnung davon, wie man das Leben meistern kann. Dabei hat sie es doch bisher immer ganz gut auf die Reihe bekommen, hat vor sich hin gelebt, wollte nie ganz erwachsen werden, hat in den Tag hinein, von der Hand in den Mund und alles in allem zufriedenstellend gelebt – je nachdem natürlich, welche Maßstäbe man anlegt. Auf der anderen Seite hat sie nämlich auch ihr Studium geschmissen, ist Anfang Dreißig und hat keine Familie, arbeitet zum Zeitpunkt Null als Zoopädagogin in Hagenbecks Tierpark. Und dann ist auf einmal nichts mehr, wie es war. Die namenlose Frau erhält die vernichtende Diagnose Mykarditis im Endstadium, das Herz macht nicht mehr mit, das Herz spielt verrückt, die Gedanken tun es auch. Vom Anfang bis zum Ende geht man ihren Weg mit, den Weg durch das kranke Haus, das Krankenhaus, zwischendurch verwirrend klar die medizinischen Fakten, den Rest des Buches gefangen in den wirren Gedanken der Patientin, die eine Transplantation durchsteht, man erhält Einblick in die Beziehung zu ihrer Zwillingsschwester, die von beiden eigentlich immer die kränkliche war, man erfährt von Doktor Daun, dem Herzchirurgen, der die Protagonistin immer wieder in sich im Kreise drehende Diskussionen verwickelt. Wie die namenlose Herzpatientin taucht man ein in den eigenen, nicht mehr funktionierenden Körper, sucht das Herz, das nicht mehr das tut, was es soll, fühlt die Leere und das Wummern in der Brust, das aus dem Takt geraten ist. Man wartet auf das neue Herz, das da kommen soll, um die Leere zu füllen, und man steht mit gemischten Gefühlen daneben und weiß nicht, was man davon halten soll. Bis zur Kehrtwende und dem überraschenden Schlusspunkt nicht.

Dabei behält Katha Schulte ihren Stil von Anfang bis Ende bei. Auf dem Umschlag als realistisch- phantasmagorische Reflexion beschrieben, springen ihre Sätze hin und her wie die Gedanken im Kopf der Ich- Erzählerin und die wirren Argumente des Doktor Daun. Sie springen so sehr, dass sie manchmal am Ende des Satzes hintenüber fallen und keinen Sinn ergeben. Sie springen vor und zurück, und manchmal kennt man das Ende einer Seite schon an deren Anfang, oder man erinnert sich gegen Ende an einen Satz aus dem Prolog, der nun auf einmal Sinn ergibt. „Unwesen“ ist also definitiv ein Buch, das man am besten zwei Mal liest. Dann aber ist es ein sehr berührendes, aufwühlendes Buch, das einen vor allem durch die Schlusssequenz gar nicht kalt zu lassen vermag.

 

Katha Schulte:

"Unwesen"

200 Seiten, Euro 16,90

Hablizel 2010

ISBN: 978-3941978027

 

Hoch

 

 

Was ist das Glück? Das Erinnern oder das Vergessen?

Marica Bodrožić: "Das Gedächtnis der Libellen"

Von Iris Kersten

 

 „Ist nicht jede Rückschau eine Erfindung der Wahrheit?“

 

Eigentlich möchte man nur zitieren, so einzigartig und poetisch ist Marica Bodrožićs Art zu schreiben. Philosophisch und geheimnisvoll fängt sie den Leser in Nadeshdas Erinnerungen.

Nadeshda, geboren in Dalmatien, mit fünf Jahren von den Eltern verlassen und von ihrer Tante aufgezogen, hat ihren Beruf als Physikerin an den Nagel gehängt, um ihre Geschichte einer unmöglichen, aber intensiven Liebe aufzuschreiben, um so die Welt besser verstehen und aushalten zu können.

„Nadeshda“, das bedeutet „Hoffnung“, und die Erzählerin wählt sich diesen Namen selbst. „Meine eigene Geschichte kann sich hinter einem Namen wie Nadeshda beruhigen.“ Sie sucht nach einem Ort, an dem die anderen sie als sie selbst erkennen sollen, sie versucht die Wahrheit und ihr Leben zu finden. Zum Glück hat sie eine Vertraute: ihre Freundin und Landsmännin Arjeta (übrigens eine Abwandlung des Namens Nadeshda), die mit beiden Füßen auf dem Boden steht und Nadeshda immer wieder ins Gewissen redet.

Hauptsächlich verarbeitet Nadeshda ihre Beziehung zu Ilja, ihrer großen, aber gescheiterten Liebe. Währenddessen bekommt der Leser Häppchen für Häppchen die Enthüllungen über einen Libellen  und Kinder mordenden Vater, die, je weiter man sich dem Ende nähert, immer brutaler werden. Die Grenzen der Zeit verwischen, das Gesicht von Ilja verschmilzt mit dem des Vaters. Die Verbindung zwischen den zwei Männern besteht wohl darin, dass Nadeshda sie beide vergessen möchte, um die Liebe zu ihnen auslöschen zu können. Es ist dann Ilja, der ihr das Gedächtnis ihres Körpers zurück gibt und somit die Möglichkeit, das Gefängnis des Kopfes zu öffnen und die Erinnerungen an ihren Vater wiederkommen zu lassen, um sie danach wieder vergessen zu können. Auf der Suche nach der Wahrheit schreibt Nadeshda sich frei. Um endlich die Gegenwart, das Leben und das damit verbundene Glück wahrzunehmen, wird sie Ilja bald vergessen und mit diesem Vergessen vielleicht auch über die Kindheitserinnerungen mit ihrem Vater hinwegkommen.

Ein Buch über Hoffnungen, Sehnsüchte und das Schicksal, über die Ewigkeit und die Vergänglichkeit, dem Glück wie dem Unglück, vom Wünschen, das nicht hilft, und natürlich über die Liebe („Das Lieben ist eine Suche nach der ureigenen Unsterblichkeit. Das erklärt unser allgegenwärtiges Scheitern, aber es erklärt auch die große Kraft unserer Suche.“) und die Missverständnisse der Liebe. Marica Bodrožićs zweiter Roman (neben weiteren Erzähl- und Gedichtbänden) ist kein Roman im klassischen Sinne, sondern eher ein fragmentarischer Aufbau von Erinnerungen, die zu einem Puzzle zusammengefügt, ein Ganzes ergeben. Die Autorin schreibt eine Liebes-, Freundschafts- und Familiengeschichte (auch die Wirren des Jugoslawien-Krieges werden beleuchtet), die, spiralförmig erzählt und immer wieder durch sich selbst oder Arjeta kommentiert, Nadeshdas Selbstwerdung dient.

Was dem Buch an Handlung fehlt, wird durch die Sprache wieder aufgewogen. Mit der Verinnerlichung der Worte, der Poesie (das Lesen um der Sprache willen), wird der Leser in den höchsten der Genüsse schwelgen können.

 

Marica Bodrožić: "Das Gedächtnis der Libellen"  

Luchterhand Literaturverlag 2010

256 Seiten,

19, 99  Euro

ISBN: 978-3630873343

 

Hoch

 

 

Mehr Murp für Deutschland!

Oliver Uschmann bringt im vierten Teil der Hui-Reihe „Murp! Hartmut und ich verzetteln sich“ bringt seine Protagonisten in arge gesellschaftliche Bedrängnis

Von Jule D. Körber

 

Die Deutschen leben in einer Diktatur - und das freiwillig. Im vierten Teil von Uschmanns "Hartmut-und-ich" Romanen ist diese Diktatur aber wenig staats(ge)tragen(d) - wie dann im fünften Teil, soviel sei an dieser Stelle schon verraten - sondern gesellschaftsverursacht.
Die Band Wir sind Helden textete schon im Jahr 2003 - also zwei Jahre vor dem ersten Hui-Roman - passend:

 

"... Das ist das Land der begrenzten Unmöglichkeiten / Wir können Pferde ohne Beine rückwärts reiten / Wir können alles was zu eng ist mit dem Schlagbohrer weiten / können glücklich sein und trotzdem Konzerne leiten.
Wir können alles schaffen genau wie die toll dressierten Affen, wir müssen nur wollen (...) Aber wenn ich könnte wie ich wollte würd ich gar nichts wollen / ich weiß aber, dass alle etwas wollen solln ..."

 

Fünf Jahre später klingt das selbst in der Popmusik noch wesentlich pessimistischer, wie der Song "Wie wir zu leben haben", den Oliver Uschmann gemeinsam mit der Band Bosse extra zum Erscheinen des Buches gemacht hat.

 

"... bis ins Kleinste sagt ihr zu uns, wie wir zu leben haben. ... Seid euch sicher, was wir wollen, was wir wollen sollen. ... Überall seht ihr nur Sünde, lasst uns büßen für alles, was schmeckt. Denkt das Volk muss gesund, muss rein sein. ... Sei kein selbstständig denkender Spinner, nimm Vernunft an und gib uns schon Recht ..."

 

Der selbstständig denkende Spinner ist - es war nicht anders zu erwarten - Hartmut. Die "kulturpessimistische Trüffelsau", wie Popautor und Musiker Rocko Schamoni Hartmut bezeichnet hat, versucht sich in "Murp! Hartmut und ich verzetteln sich" als Individualanarchist on the road. Er und der Ich-Erzähler haben gemeinsam mit ihren Freundinnen ihr Haus aus Teil 3 der "Hui"-Reihe verlassen und sind nun mit der Autobahnraststätten-Wanderausstellung der Freundin des Ich-Erzählers, Katharina, unterwegs.

Provoziert von einem Managerentspannungsratgeber schreibt Hartmut heimlich an einem Buch zur Kunst des Murp und damit an einem Gegenentwurf zur effizienten Leistungsgesellschaft. "Schwimmen Sie nicht länger gegen oder mit dem Strom, klettern Sie aus dem Fluss!" könnte da das Motto lauten.
Zu den einzelnen Kapiteln seines Buches im Buch wird Hartmut durch die Begegnungen und Ereignisse während des Roadtrips inspiriert. Und wieder ist Uschmann da bei der Hyperrealität angekommen: Seine Figuren sind echter als die Realität. Sei es der mit Stasimethoden vorgehende GEZ-Mann Herr Twitter oder auch die 24-Stunden Schule, die versucht, ihren Schülern beizubringen, wie sie die Chinesen überholen.
Dazu kommt jede Menge Medienkritik und Schelte für Reality-Soaps des Privatfernsehens, aber auch der Schlankheits- und Gesundheitswahn kriegt sein Fett weg. Und es tauchen jede Menge Promizitate auf, die wohl auf einen überhöhten V.I.P.-Wahn in Deutschland hinweisen sollen.

Das, was Hartmut und Uschmann da zerfleddern, sind altbekannte deutsche Spießbürgerlichkeiten, sich darüber aufzuregen ist leicht. Und auch wenn es manchmal ein wenig zu sehr ausgewalzt wird, hat Uschmann in "Murp" mit dem Buch in der Buch-Idee die richtige Form dafür gefunden. Allerdings ist der vierte Teil längst nicht so originär wie das, was davor kam. Und so ist jedem Uschmann-Fan zu raten, Teil 5 gleich hinterher zu lesen, denn dieser Teil ist definitiv der beste der ganzen Reihe. 

 

Oliver Uschmann: Murp! Hartmut und ich verzetteln sich

Scherz Verlag 2008

448 Seiten, 13,90 Euro

ISBN 978-3502110507

 

Hoch

 

 

Schicksalsstadt

Jiri Kratochvil: "Brünner Erzählungen"

Von Miriam Schneider

 

Kratochvil?

Ja!

Er ist eine der großen Stimmen in der europäischen Literatur unserer Zeit, aber weil er nun mal Prosaist ist und nicht Schreihals, ist es eine leise Stimme, mit der er zu den Zeitgenossen spricht.  

Seine Romane „Unsterbliche Geschichte“ und "Der traurige Gott" sind unvergessen für jeden, der über sie gestolpert ist. Ihre starken Bilder, beinahe abdriftenden Metaphern, seine Grotesken zum Schmunzeln und Stutzen.

Nun, endlich, gibt es einen Erzählband von ihm: „Brünner Erzählungen“. Es sind Prosaminiaturen, Kurzerzählunegn mit der Hauptperson Brünn (tschechisch: Brno),der Schicksalsstadt Kratochvils.

Sein Stil ist hier der Stil vor den großen Romanen, sein Weg dorthin aufgrund dieser Erzählungen genau nachvollziehbar. Es ist der Resonanzboden eines Schriftstellers, auf dem diese prägnanten Kurzstücke hervorklingen.

Für „Kratochviler“ ein Muss, für Einsteiger das Zweitbuch nach „Unsterbliche Geschichte“, und für Hoffnungsvolle der Gedanke, es könne mehr Kratochvil in Zukunft auf deutsch geben.,

 

Jiri Kratochvil: Brünner Erzählungen

Aus dem Tschechischen von Johanna Posset

Braumüller Verlag 2009

216 Seiten, 21,90 Euro

ISBN 978-3992000012

 

Hoch

 

 

Nächsten Sommer oder das Leben ist eine Wundertüte

Edgar Rai: "Nächsten Sommer"

Von Iris Kersten

 

Schon auf dem Klappentext steht es: „Was ist das Leben? Kleines Drama? Großes Kino?“ Und tatsächlich -  Edgar Rais neuestes Buch erzeugt Kino im Kopf.

Felix, 26, Asket und Mathematik-Genie ohne Schulabschluss, erbt von seinem Onkel ein Haus am Meer in Südfrankreich. Unter dem Motto „Ein neuer Tag, ein neues Leben“ macht er sich nun in einem klapprigen VW-Bus auf den Weg in die Provence. Mit von der Partie sind seine Freunde Marc, ein Freigeist und Musiker, und Bernhard, der eher Symmetrie und Ordnung schätzt. Auf einem Kasseler Parkplatz stößt durch einen Zufall Lilith dazu. Sie wurde gerade von ihrer Liebsten sitzen gelassen und wollte eigentlich zu ihrer Schwester nach Genf. Der stattet sie dann nur einen kurzen Besuch ab, um sich der Gruppe auf ihrer Fahrt in den Süden anzuschließen. In Genf treffen sie auch ihre langjährige Freundin Zoe. Aus Liebeskummer hat sie kurzerhand einen Flug gebucht, der sie wieder auf die Sonnenseite des Lebens bringen soll.

Fünf junge Menschen mit den unterschiedlichsten Charakteren, die alle eins gemeinsam haben: Auf der Suche nach dem Sinn des Lebens wollen sie dem Alltag entfliehen und alle Zwänge hinter sich lassen.

Endlich in der Provence angekommen und voller Tatendrang, kommt es zu einem Drama. Sie ertrinken fast in einem steintrichterartigen See - fast. Mit Hilfe von Jürgen, einem penisgesteuerten Macho, entrinnen sie knapp dem Tod und gelangen nach Pui, einem kleinen Dorf in der Nähe. Hier lernen sie Jeanne, die Kellnerin des einzigen Cafés im Ort, kennen. Für Marc ist es Liebe auf den ersten Blick...

Durch ein dummes Missverständnis (sie wollten „nur“ die Lettern der Kinoanzeige umstecken) werden sie verdächtigt, den Bankautomaten neben dem Kino knacken zu wollen. Es kommt zu einer filmreifen Verfolgungsjagd mit der Polizei (Rai ist übrigens auch Drehbuchautor). Sie sind gezwungen, Lilith in Pui zurückzulassen. Dafür aber springt ihnen Jeanne sozusagen vor das Auto. Jahrelang von Jürgen betrogen, hat sie erkannt, dass es Besseres im Leben gibt. Sie steigt ein, und die Fahrt geht weiter. Noch hundertzwanzig Kilometer. Sitzplätze werden gewechselt, Gedanken ausgetauscht, Gewohnheiten verändert. Das Leben ist schön.

Am dritten Tag erreichen sie La Ciotat (Wohl eine Parabel auf das Leben, dass sie erst eine stinkige Industriestadt durchfahren müssen, bevor sie ihr Paradies finden). Sie sind am Ziel. Auf jeden Fall fast. In Onkel Hugos Haus erwartet sie die Vergangenheit: Felix' Vater. Er will das Haus.

Es bleibt Felix nur eine Möglichkeit, sein Erbe zu behalten: Schach. Worum Felix aber tatsächlich spielt, ist seine Freiheit. Die Freiheit, von seinem Vater, der ihn jahrelang verachtet und misshandelt hat, endlich in Ruhe gelassen zu werden. Die Partie ist spannend, aber Rai enttäuscht uns nicht: Felix (wie sein Name schon sagt) gewinnt. Die Freunde ziehen ein und genießen das Leben in vollen Zügen. Veränderungen finden statt, Prinzipien werden gebrochen. Das Leben wird zum Traum. Aber nur, um von der Realität wieder eingeholt zu werden: Lilith taucht mit Jürgen auf, und Bernhard bekommt eine schlechte Nachricht von zu Hause. Es wird klar, dass zumindest ein Teil der Gruppe den Rückweg antreten muss.

 „Nächsten Sommer“ war für die Freunde jahrelang das Synonym für „passiert sowieso nie“. Durch die Wandlungen, die in den Personen vor sich gehen, verändern sich auch die Bedeutungen, so dass „Nächsten Sommer“ (als sie sich dann am fünften Tag wieder trennen und nur zwei zurück bleiben) das Versprechen wird, sich eben genau dann wiederzusehen: Nächsten Sommer im Haus von Felix. Happy End. Aber kein kitschiges Happy End, denn neben denen, die sich gefunden haben, gibt es auch die, die zwar zueinandergefunden haben, die aber trotzdem wieder auseinandergehen. Und einer geht zu einer Beerdigung – auch das gehört zum Leben.

Der Autor erzählt in fünf Tagen und einem Epilog aus der Sicht von Felix. Er kennt seine Charaktere genau. Man bekommt das Gefühl, mittendrin zu sitzen. Es ist ihre Sprache, die die Protagonisten lebendig werden lässt. Sie sind jung und dynamisch, gewitzt und genial, sorglos und voller (Vor)Freude, aber auch eifersüchtig und verständnislos, aufgeregt und ängstlich, hilflos und zu Tode betrübt... von allem ein bisschen... eben lebendig!  Und immer haben sie die Frage im Hinterkopf, „was man vom Leben wollen soll.“ Mitunter mutet es sogar philosophisch an: Die Diskussionen über die Suche nach dem Sinn und den Möglichkeiten des Lebens. Auch der Leser wird ihr nicht entkommen, dieser Sehnsucht nach Aufbruch und Freiheit.

Das Buch sprüht vor Charme und Witz. Edgar Rai, auch Dozent für Kreatives Schreiben, ist ein Meister der Metapher und des Vergleichs. Man kann den Rosmarin praktisch schmecken und das Meer förmlich riechen. Leider wirken die Bilder an manchen Stellen etwas übertrieben beziehungsweise an den Haaren herbeigezogen. Sieht man davon einmal ab, ist „Nächsten Sommer“ ein wahres Lesevergnügen, das Lust auf das Leben macht.

 

Edgar Rai:

„Nächsten Sommer“

Kiepenheuer Verlag 2010

236 Seiten, 16,95 Euro

ISBN 978-3378006966

 

Hoch

 

 

Immer mal fällt anderer Schnee

Erich Kästner: "Drei Männer im Schnee"

Von Julia Schneider

 

1927 erschien eine kleine Story von Erich Kästner, in einer Tageszeitung: Armer Mann gewinnt Preisausschreiben, Aufenthalt in edlem Hotel in Kitzbühel, das Personal macht sich lustig über seine Fehler, er wehrt sich, eine Schlägerei, Rückfahrt nach Hause, und schließlich der Selbstmord von ihm und seiner Frau. Was für ein Stoff! Also machte Kästner einen Roman draus. 1934 erschien „Drei Männer im Schnee“. Doch Kästner gehörte zu den Autoren, die bei der Bücherverbrennung im Feuer auf dem Berliner Bebelplatz landeten, und auch dieses völlig untiefes Romänchen durfte nicht mehr ausgeliefert werden.

Doch die Geschichte war zu lesbar. Verboten in Deutschland, wurde es im Ausland zu einem Riesenerfolg; auch deutsche Ausgaben erschienen in England und fanden zurück nach Deutschland. „Drei Männer im Schnee“ wurde einfach überall gemocht. Noch vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde das Buch mehrfach verfilmt (in Schweden, in den USA, in Frankreich, in der Tschechoslowakei). Im Deutschen Reich gab es eine Theaterversion, der beste Freund Erich Kästners hatte sie geschrieben.

„Drei Männer im Schnee“ überlebten also. 1954/55 wurde es in Deutschland verfilmt, mit enger Beteiligung Kästners. Er hatte den Roman schon bei seinem Entstehen versucht, ohne Anklänge an die politische Wirklichkeit gedeihen zu lassen (bis auf eine kurze Ansprache Hagedorns, die an Goebbels erinnern könnte). Es hatte ihm damals nicht genützt, nun aber zahlte es sich aus. Das Wirtschaftswunderland konnte befreit über die harmlose Geschichte lachen.

Aber wie soll man dieses Buch heute lesen? Es wirkt wie ein verzerrter Kästner, dem man nicht mehr zuhören möchte, nachdem seine Stimme so verloren hat im Vergleich zu den großen Kinderromanen. Was dort Komik und eigener Stil ist, ist hier Kitsch und nachgemachter Kästner. Er hat sich selbst karikiert und verrät damit viel zu viel über sich. Doch „Drei Männer im Schnee“ hat obendrein eine glitschige Zeitlosigkeit, so dass jede Generation sich das Buch wieder selbst erfinden kann. Wer es jetzt liest, mit diesem Wissen um die Gier, an der der Finanzkapitalismus erstickt, mit dem Wissen um die geldstromlinienhafte Käuflichkeit der Politik, mit dem Wissen, dass alle Schwächeren und Jüngeren das bank- und staatswirtschaftliche Kanonenfutter sind – damit liest sich „Drei Männer im Schnee“ wieder neu. Das Lachen und die Leichtigkeit sind weg. Die Leser, die gerade dem Kästner für Kinder entwachsen sind, sind der Habenichts Hagedorn und werden der Habenichts bleiben. Der Millionär Schulze hat eine Firma, die in Wirklichkeit von Wirtschaftspolitikern am Leben erhalten wird; keine Spur von unternehmerischem Geschick. Die reichen Erben verbarrikadieren sich in ihren Condominiums und ihren Hotels, und ihre Angst vor dem Zorn der Armen wächst. Würden sie sich damit begnügen, Schulze als armen Mann nur in eine unbeheizte Dachkammer zu stecken?

Man kann „Drei Männer im Schnee“ noch lesen. Man kann es für sich umdichten und umschreiben. Den Stoff wieder weiten. Kästner hatte den Sinn für die richtigen Geschichten. Das immerhin hat er bewiesen.

 

Erich Kästner:

"Drei Männer im Schnee"

dtv 2006

352 S., Euro 10,95

ISBN 978-3423252584

 

Hoch

 

 

Hin und her gerissen zwischen gestern und heute

Michel Butor: "Der Zeitplan"

Von Susan Müller

 

Der Franzose Jaques Revel arbeitet für ein Jahr in England. Schon seine Ankunft ist wirklich nicht normal, o nein, denn er irrt erstmal durch die Stadt, alle Häuser sehen für gleich aus, alle.
Wenn er in dem Export-Import-Unternehmen nicht so gefordert wäre, würde er sich als erstes nach einem neuen Zimmer umsehen, aber es schlaucht ihn die Arbeit zu sehr: Der Ablauf des Arbeitstages, der ständige Sprachwechsel, dieses dauernde Umdenken.
Ein perfekte Bündnis von Leser und Hauptfigur macht dieses Buch zu einem Erlebnis. Die Leser fühlen sich nämlich genauso hin- und hergerissen wie Revel. Nicht nur in der Gegenwart, auch im Geschehen zwischen gestern und heute. Revel ringt wie wir alle um Ein-, um Zuordnungen.

Revel verliert sich. Er fühlt sich beobachtet, die große Stadt macht ihn orientierungslos und lässt ihn dem Verfolgungswahn anheimfallen. Um all die Zeitabschnitte zu verknüpfen, braucht es Strukturen, sagt der Autor. Michel Butor, selbst. Revel schafft es nicht, diese Strukturen zu erkennen, die ihn dabei beobachten, müssen sie sich immer wieder neu erschaffen. Gelingt es? Der Titel "Der Zeitplan" suggeriert es; allein, es liegt beim Leser. Ein literarisches Hochleistungsbuch, für geübte Lebenskenner eine große Sache. 

 

Michel Butor:

"Der Zeitplan"

Aus dem Französischen von Helmut Scheffel

Matthes & Seitz 2009

421 S., Euro 26,90

ISBN 978-3882217421

 

Hoch

 

 

Er liebt die Paula

Werner J. Egli: "Heul doch den Mond an"

Von Lucas Kohlschreiber

 

Eine Reise von Kanada durch die USA bis nach Mexiko. Nichts Besonderes also.

Aber in "Heul doch den Mond an" schon. Werner J. Egli hat es in den siebziger Jahren geschrieben, es ist 1978 erstmals veröffentlicht worden. Der kleine Reiseroman steht in der Nachfolge der großen Beatnik-Road-Stories, mit ein paar feinen Unterschieden. Der Autor ist Europäer, er hat sein Buch dem Jungsein gewidmet, war jung und schrieb es für Junge. Das heißt: Das Leben ist das Abenteuer.

Jeder, der mit 20 durch die USA reist und gut erzählen kann, kann hinterher so ein Buch draus machen, meint man und wird deshalb auf eine ganz andere Art ins das Buch hineingezogen. Es ist Kumpanei, der Ich-Erzähler und ich. Durch Gefühle verbunden: Freiheit, Unbeschwertheit. Arme Schweine, das sind die anderen mit den Bewerbungsmappen. Wir haben kein Geld, aber diese Buch.

Ohne Zukunft leben, das ist aktuell wie nie. Vergesst alles, lebt, macht was ohne Sinn. Nur, weil heute alles auf Kosten reduziert wird, rechnen wir mal: Drei Jahre im VW-Bus bringen mehr als drei Jahre auf der Business School und kosten weniger.

Die Erlebnisse auf Eglis Reise sind zunächst klein und überschaubar, doch sie werden von Anfang an als das Abenteuer des Lebens ernstgenommen und so geschildert. Er ist kein Hippie, er ist mit seiner Freundin unterwegs, sie haben einen Wolfshund dabei. Er besucht seinen Bruder, er verdient zwischendurch ein bisschen Geld. Die roten Fäden: Die Liebe zur Paula, seiner Freundin, und der Hund, und der auch wegen der Liebe zur Paula. Es ist schön, auch das Schwierige ist schön. Ihre Angst. Die Fahrt. Das korrupte Mexiko. Das ist lesenswert. Heute noch.

Ich bin zwölf Jahre nach Eglis Buch genau seine Route gefahren. Landschaft - Wahnsinn. Aber es gab wirklich keine Hippiekolonien mehr, es war Tourismus. Die goldenen Zeiten, die die Paula und er erlebt haben, waren vorbei.

Alle ist heute knapper geworden. Man weiß mehr, man weiß, dass die Erde knappe Ressourcen hat. Was will man aus seinem Leben machen? Diese Frage muss jeder für sich beantworten, obwohl heute so getan wird, als hätten das andere für einen zu tun, während man einfach nur 18, 19, 20 werden und still sein soll. Doch was sind wirklich die eigenen Ziele?

Absturz entsteht aus Hoffnungslosigkeit. Die gibt es in "Heul doch den Mond an" kein Mal. Deswegen ruft es uns das Buch immer noch zu sich und in sich hinein. Es bringt Euch mehr, Zeit zu verschwenden, das ist das erste, was Ihr erreichen solltet. Wann man mit dem Studium angefangen habt, interessiert doch mit vierzig keinen mehr. Und kommt jetzt nicht mit Eurem Bausparvertrag. Dessen Kleingedrucktes zu lesen dauert länger als Eglis heißes Buch.

 

Werner J. Egli:

"Heul doch den Mond an"

Kyrene 2009

220 S., Euro 19,90

ISBN 978-3900009632
 

Hoch

 

 

Der mit dem Wohnmobil spricht

Reif Larsen: "Die Karte meiner Träume"

Von Julia Schneider

 

Wer sich mit amerikanischen Literatur auskennt, hat viele De-ja-vus, wenn er Reis Larsens "Die Karte meiner Träume" liest. Man hat das Gefühl, es ist ganz in der Tradition des harten Lebens und in der Melancholie des Westens der USA geschrieben, und da gibt es viele wirklich tolle Romane. Die Personen, die Tragik, alles ist schön bildlich, man kann sich das alles sehr gut vorstellen. Der Roman vermittelt das wohlige Gefühl, ganz nah in einem ganz anderen Leben zu sein. Dann könnte man nach einigen fünfzig Seiten sagen: So gut, so langweilig oder so gut, so schön.

Aber Reis Larsen schafft es doch, dem Ganzen eine eigenständige Note zu geben. Das Leben eines hochbegabten Jungen von einer Farm beschreibt er auf spezielle Weise: Seine Kindheit, sein anfangendes Jugendleben stellt er in Form von Aufzeichnungen kartographisch dar. Optisch ist was los im Buch. Doch behält Larsen dabei immer den Erzählrhythmus der klassischen Literatur des Westens. Dazu reingemixt: Ein etwas absurdes Abenteuer. Geheimgesellschaften, ein Wurmloch, das Buch weicht zunehmend von der Realität ab, ohne dass man den miesen Eindruck hätte, es wäre echter Nonsens und Fantasy. Die Unerklärlichkeiten sind nicht immer perfekt eingebettet, dann quält man sich etwas hindurch.

Aber das gut erdachte Ende deckt schnell das Mäntelchen des Vergessens darüber, macht auch das Quälende rückwirkend gut. "Die Karte meiner Träume" würde ich vermissen, würde ich das Buch nicht kennen. Das dicke Buch ist übrigens auch ein Einstieg, eine Einladung, um sich der echten, guten amerikanischen Erzähltradition zuzuwenden. (Jim Morrison, Thomas Wolfe (nicht Tom Wolfe) zum Beispiel)

 

Reif Larsen:

"Die Karte meiner Träume"

Fischer 2009

435 S., Euro 22,95

ISBN 978-3100448118

 

Hoch

 

 

Die Kunst der Erbsünde

Barbara Bongartz: "Perlensamt"

Von Jule D. Körber

 

Barbara Bongartz hat mit „Perlensamt“ einen vielschichtigen Roman zwischen Raubkunst-Krimi, Fräuleinprosa und Familienepos geschrieben.

Geschichte kann man nicht verbrennen und durch Feuer in Luft und Asche auflösen, als hätte es sie nie gegeben. Egal, wie viel als „Beweis“ geeignete Papiere die Flammen im Kamin Martin Saunders fressen, was in diesen stand, wurde gelesen und sie haben ihre Pfade längst gelegt, die Wegweiser sind aufgestellt; wenn die Figuren ihnen folgen, geraten sie tiefer ins Labyrinth, verheddern sich dort nicht nur in ihrer eigenen Geschichte. Irgendwo in der Mitte liegt die Lösung, der Ausgang aber ganz woanders.

Martin Saunders, der Ich-Erzähler aus Barbara Bongartz Roman „Perlensamt“, will aber nicht die Beweismaterialien seiner eigenen Vergangenheit verbrennen, nein, in den Flammen lodern am Anfangs des Romans, aber kurz vor Ende der Handlung, die Papiere, die mutmaßlich Auskunft geben über David Perlensamts Familiengeschichte.

Diesen lernt Saunders, selbst vaterloser Sohn einer nach Amerika geflüchteten Deutschen, durch einen Zufall in Berlin kennen, wo er als Provenienzforscher in einer Dependance eines amerikanischen Kunstauktionshauses arbeitet. Perlensamt übt eine unerklärliche Faszination auf ihn aus, sie werden etwas, was man, wäre Perlensamt ein anderer, Freunde nennen würde.

Doch wer ist David Perlensamt? Ist er der, der er vorgibt zu sein? Und wer gibt er überhaupt vor, zu sein? Und woher stammt die im 2. Weltkrieg verschollene Kunstsammlung im Haus seiner Eltern? Und warum präsentiert er sie das eine Mal - und sich selbst mit ihr als leidender „Nazi-Erbsünder“, der Raubkunst besitzt - und versteckt sie dann wieder? Und wer ist wirklich der Mörder sein Mutter? Was weiß er und wann lügt er? Weiß er selbst überhaupt, wer er ist? Um spannungsmindernde Spoiler zu vermeiden, nur Fragen an dieser Stelle.

Am Ende folgt Mona, die hübsche Kollegin Saunders, dem nahezu richtigem Pfad. Was allerdings Perlensamt (über sich selbst) wirklich weiß, bleibt bis zum Ende offen.

Barbara Bongartz hat ihren Figuren ein Labyrinth gebaut – und sie finden in diesem verschiedene Wege, die rausführen könnten und rennen doch immer wieder gegen Wände, benutzen Geheimtüren, stoßen und ziehen sich an wie Magnete an der verschiedenen oder gleichen Polen. Und wenn sie im Labyrinth aufeinander treffen, ist nie klar, wer gerade wen belügt und vor allem – wer sich selbst.

Unter amerikanischen Drehbuchautoren spricht man von einer „Tomato in the Mirror“, wenn der Protagonist glaubt, etwas Bestimmtes zu sein und dann feststellen muss, dass er etwas völlig anderes ist, und er selbst merkt es als letzter, während sein gesamtes Umfeld schon um ihn weiß. Doch ob Perlensamt tatsächlich solch eine dramaturgische Tomate ist, weiß er wohl selbst nicht. Und auch bei den anderen Figuren ist unklar, was sie beim Blick in den Spiegel sehen können – und wollen.

Herr über seine eigene Biografie ist keine der Figuren und so irren sie durchs Labyrinth wie Fräuleinprosacharaktere der frühen 90er, stehen neben sich und denken doch, sich zu kennen. Saunders zum Beispiel lässt, „wenn ich fürchte, die Verbindung zur Gegenwart zu verlieren ... den Fernseher im Arbeitszimmer laufen“ und ihm „fehlte ... die Übung, der Vergangenheit größeren Wert beizumessen als der Gegenwart.“

Ganz anders agiert da Perlensamt. „Was Perlensamt nach und nach und immer nur in kleinen Dosen von sich gab, war dann etwas ganz anderes, ... . Bezüge überall, voll von Schatten, über denen wieder Schatten lagen.“  Und auch Saunders verändert sich nach und nach unter dem immer größer werdenden Einfluss Perlensamts: „Seit ich Perlensamt kenne, habe ich den verdammten Eindruck, dass hinter jeder Sache noch eine andere steckt. ... Die Erinnerung täuscht. Sie ist gerade dann unzuverlässig, wenn sie gegen die Gegenwart antreten muss“.

Schicht um Schicht deckt Perlensamt ab, nur, damit Saunders da drunter ein noch größeres Rätsel entdeckt und manisch Hinweisen folgt, die wieder einen völlig anderen Weg weisen.

Das alles wird in Zeitsprüngen und mit einer teilweise hochpoetischen, dichten Sprache erzählt und erinnert, auch wenn der Ich-Erzähler leider teilweise zur übermäßigen, sich wiederholenden Selbsterklärung neigt, an große Filme wie „Zwielicht“, „Der talentierte Mr. Ripley“, „Fight Club“ oder „Charade“, im literarischen am ehesten an Schlinks "Vorleser".

Bongartz, die ihren Roman im ambitionierten Frankfurter Independentverlag weissbooks.w veröffentlicht hat, der 2009 zu Recht den Frankfurter Gründerpreis erhielt, kann sich mit großen Namen (wie eben Bernhard Schlink) mit ihrem Roman „Perlensamt“ messen. Ob sich ihre virtuose Sprache, die die „biografische“ Verlorenheit ihrer Figuren verdeutlicht, auf ein Drehbuch übertragen lässt, scheint jedoch fraglich.

 

Barbara Bongartz:

"Perlensamt"

Weissbooks 2009

320 S., Euro 19,80

ISBN 978-3-940888-43-3
 

Hoch

 

 

Zähes Wüstenklima

Daniel Goetsch: „Herz aus Sand“

Von Miriam Schneider

 

Schauplatz Westsahara. In einem UN-Camp müssen Menschen mitzeinander auskommen, die sehr untershcieldich sind. Die große Politik, die sie entansdt hat, lässt sie hier arbeiten, aber sie müssen auch hier leben. Es ist heiß. Man trinkt. Man nähert sich an. Man besorgt sich Dinge und Körper. Mittendrin Frank. Frank hat seine Erinnerungen, die er loswerden sollte. Bis einer, der alles in ihm wieder hochkommen lässt, ins Camp zieht. Frank leidet, er hatte doch auch einmal eine große Liebe, Frank hat weitergesucht. Und tut's mit aller gebotenen Oberflächlichkeit auch in "Herz aus Sand" 

 Das klingt sehr nach Neuem Deutschen Beziehungsroman, in dem -an welchem Schauplatz auch immer- nach Selbsterfüllung gesucht wird, zu der eine öde Partnersuche eben standardmäßig gehört. Hier ist es die Schweizer Variante - die Kleine Schweizer Variante, denn Daniel Goetsch, Jahrgang 1968, ist sich natürlich nicht zu schade, um in Berlin das Berliner Klischee vom Jungautor zu leben. Dass er diesen stereotypen Weg eingeschlagen hat, war vorhersehbar. In seinem Romandebut von 1999 hatte es die Hauptfigur aus dem Schweizer Provinznichts nach Zürich und damit in den bunten Taumel eines Metropolennichts geschafft. Und Goetsch auf den Radar der Schweizer Nachwuchsliteratur(förderung).  

Er ist auch Franzose. Sein Roman "Ben Kader" von 2006 handelt vom Algerienkrieg. Das Afrika-Thema hat also seine Wurzeln bei Goetsch, und sie sind tief. Auch in "Herz aus Sand" ist das Thema Afrika kein Zufall. Leider hat das die Kritik -wofür der Autor nichts kann- dazu verführt, das Buch als politischen Roman zu lesen und ihm nur dadurch einen Platz in der Sinnmaschinerie der Literatur zuzuweisen. Wer das Buch in die Hand nimmt und einfach liest, liest von Individuen ohne große Ideen. Soweit wohltuend.

Sprachlich gesehen wird Mühe verlangt: Es fällt anfangs schwer, in dieses Buch hineinzukommen. Zu sehr verschwimmen die Perspektiven, aus denen erzählt wird. In erster Person berichtet Frank aus dem Lager in der Wüste, und aus dritter Person erfahren wir von Franks Vergangenheit in Deutschland. Häufige Perspektivwechsel tragen zur Verwirrung bei. Die Erzählweise ist gelungen dem zähen Wüstenklima angepasst, und besonders gegen Ende verschwimmen die Erzählstränge. Wir werden also auf Daniel Goetschs Werdegang auch weiterhin hoffnungsvoll blicken.  

 

Daniel Goetsch:

"Herz aus Sand"

Bilgerverlag 2009

285 S., Euro 24,00.-

ISBN 978-3037620038

 

Hoch

 

     
 

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